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So, 26. Juli 2020

Michael Mülders Kader-Kritik: "Ich erkenne keine sportliche Achse" (3/4)

Kann Schalke mit Krisen-Coach David Wagner eigentlich weiter machen? Kommt nun der große Jugendwahn? Oder wie stellt sich Michael Mülder aus dem Emspower-Vorstand die sportliche Zukunft auf Schalke vor? Im dritten Teil des großen Sommerinterviews geht es um die größen Kader-Schwachstellen und eine Idee, wie man sie schließen sollte.

(Hier geht es zu Teil 1: Wie Emspower Rheine durch die Corona-Pandemie kommt)

(Hier geht es zu Teil 2: Tönnies, Peters und was die größere Krise ist)

Nun zum Sportlichen: Wie erklärst du dir unsere Rückrunde? Die war ja unfassbar.

Das ist historisch einmalig, was da mit uns passiert ist. 16 Spiele am Stück nicht gewonnen, Abstiegsplatz 17 in der Rückrundentabelle, ganze neun Tore geschossen. Desolat, beschämend, die Mannschaft in keinster Weise, speziell nach dem Restart, wettbewerbsfähig. Teilweise haben wir uns der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Erklärungen, die mir die sportliche Leitung geliefert hat, sind unzureichend: Stichwort Torwart-Problematik, Stichwort lange Verletztenliste. Ja, das sind Argumente, denen ich durchaus folgen kann. Aber einen Absturz in dieser Form darf man sich als FC Schalke 04 nicht leisten. Das ist für mich unerklärlich. Da stellt sich zum einen die Frage, welche sportliche Qualität der Kader wirklich in seiner Tiefe hat. Die berühmt-berüchtigte Mentalitätsfrage spielt da sicher auch eine Rolle: mental widerstandsfähig zu sein, auch wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht.

Was meinst du denn zum ersten Punkt, also der Qualität des Kaders: Nach dem ersten Spiel nach der Winterpause mit dem Sieg gegen Mönchengladbach waren wir alle noch positiv gestimmt. War es nun eher die erste oder die zweite Serie, die zeigt, wie gut wir wirklich sind?

Da möchte ich mal die langfristige Perspektive der letzten vier Spielzeiten heranziehen. Da sieht es ja so aus, dass wir bis auf eine Saison auf einem zweistelligen Tabellenplatz gelandet sind. In der vorigen Saison war es ein Abstiegskampf, in der jetzt gerade abgelaufenen schaute man an den letzten Spieltagen auch auf den Punkteabstand nach unten. Ich denke, dass wir es sehr schwer haben werden. Ich erkenne keine sportliche Achse bei uns, von der bei der Bilanz-Pressekonferenz die Rede war. Wir sind auf der Torwartposition nicht gut aufgestellt. Ich erkenne in der Abwehr keine Führungsperson.

Sane? Kabak? Stambouli? 
Sane ist zu häufig verletzt, bekommt darum nicht die nötige Stabilität herein. Kabak halte ich für einen unserer besten Spieler, er ist aber noch sehr jung. Ihn nun schon zum Führungsspieler auszurufen, halte ich für verfrüht. Auf Sicht ist das auf jeden Fall jemand, auf den man bauen kann.

Im Mittelfeld sehe ich auch keinen entsprechenden Akteur.

Omar Mascarell? Der hat ja eine super Hinrunde gespielt, ehe er sich verletzte.

Da muss man abwarten, welche Rolle er spielen kann, wenn er wieder fit sein sollte. Er wäre ein Kandidat. Suat Serdar hat nach einem schwachen Beginn bei uns sehr, sehr gute Ansätze gezeigt. Aber aus meiner Sicht ist er auch körperlich nicht robust genug: zu oft verletzt und insofern auch nicht jemand, auf den man sich verlassen kann.

Amine Harit? Weston McKennie?

Bei diesen beiden Spielern muss man doch schon mal die Mentalitätsfrage stellen. Wenn man sich anguckt, was in der Coronaphase und rund um das Saisonende passiert ist: Harit mit seinem Besuch in der Shisha-Bar, McKennie mit - vielleicht auch ein bisschen naiv - dem Blick in seine Wohnung, dass er bis 13 Uhr im Bett gelegen hat, was alles andere als professionell ist. In dieser Phase, aber auch was die weitere Vorbereitung angeht. Und nun der Flirt mit Hertha BSC, nachdem er bei uns im letzten Jahr  den Vertrag bis 2024 verlängert hat.

Würdest du ihn abgeben? Er wird ja auch als unsere größte Aktie wegen der Vertragslaufzeit und seiner Qualität bezeichnet...

Wie immer im Profifußball eine Sache des Geldes. Ich würde mal sagen: Bei einer Ablösesumme von 25 Millionen Euro plus X - auf Wiedersehen! Das wäre sportlich dann auch zu verkraften. Aber die Ablöse muss stimmen.

Das größte Problem haben wir deiner Ansicht nach im Angriff?

Genau. Ich bin mal die potenziellen Achsenspieler durchgegangen. Da sehe ich vorne niemanden, der diesen Anspruch erfüllen kann. Und das ist auch das, was mich bei der Transferpolitik ein wenig verwundert: Das Stürmerthema ist in den Diskussionen so ein kleines. Man hört ja vom Interesse an Union Berlins Andersson, aber ansonsten ist es relativ ruhig, was das Thema angeht. Da sehe ich aber unsere allergrößte Schwachstelle. Das war aber auch schon vor der letzten Saison so, dass ich das sehr kritisch gesehen habe.

Den Zehn-Tore-Garantie-Stürmer bekommt man doch aber nicht für unter 20 Millionen Euro Ablöse und 5 Millionen Euro Jahresgehalt, oder? Damit sind wir dann ja eigentlich raus.

Das ist natürlich ein Teufelskreis, in dem wir uns da befinden. Da muss tatsächlich der Scoutingabteilung mal ein Glücksgriff gelingen. Wir müssen vielleicht in den Ligen, in denen wir in der Vergangenheit erfolgreich gescoutet haben. Ich denke da an die Ehrendivision in Holland oder die Jupiler-Leauge in Belgien, an Dänemark oder Skandinavien grundsätzlich, an Tschechien. Vielleicht findet sich ja da jemand, den man für heute relativ kleines Geld bekommen kann, der entsprechendes Entwicklungspotenzial hat und der sich tatsächlich bei uns durchsetzt. Spieler wie Wout Weghorst kommen aus der Eredivisie und wurden für eine Ablöse transferiert, die auch für uns machbar gewesen wäre oder auch noch machbar sein wird.

Dafür verpflichten wir wohl einen Keeper, Alexander Schwolow vom SC Freiburg, für möglicherweise 8 Millionen Euro, die wir eventuell auch erst später oder in Raten zahlen. Ist das eine gute Verpflichtung?

Auf der Torwartposition was zu machen, das ist so ganz absurd nicht, wenn man unser Personal betrachtet. Ralf Fährmann ist Schalker durch und durch, keine Frage. Aber letztendlich seit gut anderthalb Jahren nicht mehr regelmäßig im Spielbetrieb. In Norwich hat er einmal gespielt, bei Brann Bergen ist er coronabedingt gar nicht zum Einsatz gekommen. Fährmann hat anderthalb Jahre keine Spielpraxis mehr. Er hat gezeigt, dass er ein überdurchschnittlicher Bundesliga-Torhüter sein kann, mit seinen Stärken und Schwächen, die altbekannt sind. So ist fußballerisch was das Aufbauspiel angeht noch Luft nach oben.

Markus Schubert wird von Trainingsbeobachtern als Riesen-Talent gepriesen. Er scheint aber mental nicht stabil genug zu sein. Vielleicht hat er sich selbst zu sehr unter Druck gesetzt. Das hat er ja auch schon eingeräumt in Interviews. Er verfügt aber auch nicht über die Ausstrahlung, die man als Torwart braucht. Das wirkt alles sehr labil bei ihm, da steckt wenig Selbstüberzeugung drin. Damit vermittelt er seinen Mitspielern keine Sicherheit und das Gefühl, ein großer Rückhalt zu sein. Obwohl er ein großes Talent ist, keine Frage: Es könnte schwer werden mit ihm als Stammtorwart, wenn er nicht auf Anhieb gute Leistungen bringt. Das war, denke ich, auch der Hintergrund des Transfers von Alex Schwolow, der eine starke, seine stärkste Saison bisher beim SC Freiburg hinter sich gebracht hat. Man hat sich gesagt, dass wir einen gestanden Bundesligatorwart brauchen, um auf dieser Position Ruhe reinzubringen.

Dann ist für einen von beiden, Fährmann oder Schubert, kein Platz mehr, oder?

Richtig. So sehe ich das auch, weil beide den Anspruch haben, die Nummer 1 zu sein.

Wer geht denn?

Ich tippe auf Schubert, obwohl es vom Gehalt vermutlich besser wäre, wenn es Fährmann wäre. Der hat noch einen dicken Vertrag aus Zeiten, als er Kapitän und Stammspieler war.

Glaubst du denn, bei der Diskussion um eine Gehaltsobergrenze, dass besser Scouten die Lösung ist? Oder wird es eine neue Jugendinitiative geben? Wir haben Can Bozdogan gesehen, Levent Mercan, Ahmed Kutucu, Nassim Boujellab, Timo Becker... Können die Jungs uns helfen, oder ist es zu früh für ein Urteil?

Das muss ein Sowohl-als-auch sein. Bei Bozdogan haben wir vielversprechende Ansätze gesehen. Klar, man muss da noch vorsichtig sein, aber es schien mir doch, dass man sich den Jungen mal genauer ansehen sollte. Aber das, was zuletzt zu sehen war in der Knappenschmiede, scheint mir noch nicht so zu sein, dass man sich auf diese Spieler schon verlassen kann. Es muss eine andere Mischung her: Wir brauchen zwei, drei gestandene Spieler mit Bundesliga-Erfahrung, zwei bis drei Akteure aus besagten Ligen, die neu dazu kommen sollten, und dann noch ein paar Jungs aus der Knappenschmiede. So eine Mischung könnte es dann eventuell sein, damit wir mit einer gewissen Ruhe und Gelassenheit - sofern das auf Schalke möglich ist - die Saison verfolgen können. Momentan habe ich da doch schon arge Bedenken bei der personellen Konstellation.

Darf David Wagner nach so einer Rückrunde überhaupt noch der Trainer sein?

Auch eine ganz schwierige Frage, denn für uns wäre wichtig, dass auch mal Kontinuität auf der Trainerposition eintritt. Wir haben es in den letzten Jahren immer wieder mit neuen Trainern versucht. Nach so einer Rückrunde, 16 Spiele ohne Sieg, müsste man aber im Prinzip was anderes sagen. Er hat falsche taktische Grundentscheidungen für die Spiele gegen Düsseldorf und Bremen getroffen: eine Angsthasentaktik gegen Gegner, wo man als Schalke 04 den Anspruch haben müsste, anders aufzutreten. Das ist schwierig. Da schlagen bei mir zwei Herzen in einer Brust. Das eine sagt: Endlich Kontinuität! Das andere: Wie möchte ein Trainer mit dieser Bilanz im Rücken glaubwürdig einen Neustart und Aufbruch vermitteln? Das ist einfach zu niederschmetternd gewesen, die Serie an sich und das Auftreten der Mannschaft. Sollten wir in die neue Saison gleich auch wieder mit zwei, drei Niederlagen starten, schaffte man sich einen gefährlichen Unruheherd. Wir haben zuletzt die Erfahrung zweimal gemacht, mit fünf Pleiten in eine Saison zu starten. Das darf nicht noch mal passieren. Dann wird es wirklich schwer, noch drei weitere Mannschaften zu finden, die weniger Punkte sammeln werden als wir.

Das ganze Interview in allen vier Teilen vorab anhören: Jetzt in unserem neuen Podcast:

 


In den nächsten Tagen in Teil 4 des großen Sommerinterviews: Wird Emspower Rheine stark unter der Krise leiden? Wann dürfen wieder Zuschauer in die Stadien? Und was hat Emspower in den nächsten Wochen vor? Ein Ausblick.

In Teil 1 des Interviews ging es um das Fanclubleben in der Corona-Zeit, wie Emspower Rheine durch die Krise gekommen ist und was die große Hoffnung für die nächste Zeit ist.

In Teil 2: Wie hat Michael Mülder das Treiben vor dem und rund um den Rücktritt von Aufsichtsrats-Boss Clemens Tönnies erlebt? Und wie den Rückzug von Peter Peters? Bei einem ist er sich recht sicher, dass es nicht ganz freiwillig geschehen ist. Um die Krise in der Schalker Chefetage geht es in Teil 2 des großen Emspower-Sommerinterviews. 

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